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NN#5 – Corona und die deutschen Klimaziele: It’s a match?!

Die Corona-Zwangspause der vergangenen Monate hat für so manche Kuriosität gesorgt: In Venedig war das trübe und durch Massentourismus gebeutelte Wasser in den Kanälen zeitweise wieder kristallklar geworden, selbst Meeresbewohner konnte man am Kanalgrund beobachten. Da in China diverse Fabriken für Wochen schließen mussten, konnte man per Satellitenbilder einen deutlichen Rückgang der Luftverschmutzung und Feinstaubbelastung beobachten – angefangen in der Metropolregion Wuhan. In den italienischen Hafenstädten Triest und Cagliari waren wieder Delfine zu sehen – seit 60 Jahren! Fast überall dort, wo Corona am heftigsten wütet und das öffentliche Leben lahmlegt, können sich Natur und Umwelt kurzzeitig erholen.


Die Region Wuhan in China: Viel weniger Stickstoffdioxid-Belastung als sonst. Fotos: NASA

Der Corona-Lockdown in Deutschland: Die Umwelt atmet nur kurz auf

Auch in Hamburg war es ruhiger als sonst: Weniger Verkehr und Lärm auf den Straßen, kaum Flugzeuge am Himmel, selbst der berühmt-berüchtigte Schlagermove musste leider ausfallen – Corona hat auch seine guten Seiten. Doch so schön diese Nachrichten klingen, Planet und Natur können nur für einen Moment durchatmen. Die Zerstörung der Umwelt findet weiterhin statt, wenn die Maßnahmen wieder gelockert werden, wird auch die Lust am Reisen, Konsumieren und Produzieren wieder steigen. Außerdem geraten durch das dynamische Pandemie-Management momentan andere wichtige Themen in den Hintergrund. Zum Beispiel der Klimaschutz in Deutschland und Europa. Der spielt im neuen milliardenschweren EU-Corona-Deal kaum eine Rolle. Auch der „Green Deal“ – ein Kernprojekt der EU-Kommission in Sachen Umweltschutz – wird von Wirtschafts- und Lobbyverbänden infrage gestellt: Vor allem Auto-, aber auch Plastikhersteller sowie Agrarunternehmen wollen die Pläne für CO²-Grenzwerte lieber verschieben, da sie die steigenden Kosten angeblich nicht auffangen können. Man müsse erst wieder Geschäfte machen, bevor man über ökologische Anliegen nachdenkt, aber „ein Schornstein, der nicht raucht, belastet das Klima nicht“, lautet das fadenscheinige Argument des Europaabgeordneten Markus Pieper (CDU), Mitglied im Industrieausschuss des Europaparlaments. Die Strategie scheint klar: Zeit gewinnen, um die überfälligen (und natürlich kostenintensiven) Maßnahmen zur Sicherung unserer Zukunft möglichst weit hinauszögern zu können. Doch beim Klimawandel gilt: Je länger man wartet, desto teurer wird es am Ende. Außerdem steigt damit auch die Gefahr eines „Rebound-Effektes“, der schon nach der Finanzkrise 2008 zu beobachten war: Während der Krise sinken die CO²-Emissionen, danach stiegen sie eine Zeit lang noch stärker an als sonst.

Kritiker wie der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) bemängeln, dass die Politik eine historische Chance verpasst hat: Vergebene Gelder und Kredite werden nicht ausreichend mit klima- oder energiepolitischen Bedingungen verknüpft, die wirtschaftlichen Maßnahmen sind zu kurz gedacht und behandeln nur die Symptome, nicht aber die Krankheit. Allzu pessimistisch will ich aber auch nicht klingen. Immerhin gibt es im Corona-Konjunkturpaket der deutschen Regierung eine Förderung für Elektroautos und nicht wie erwartet für Verbrennungsmotoren. Ob das ausreicht? Nun ja, eher nicht.

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