…denn sie wissen was sie tun

Geschichte wird von Siegern geschrieben. Eine unbequeme Wahrheit, da sie auch Verbrechen verdrängt. Medien tragen ihren Teil dazu bei. Entscheidend ist jedoch die Seite, auf der sie stehen. Das wird vor allem bei der Kriegsberichterstattung offensichtlich. Jeder moderne Krieg könnte als Beispiel dienen. In diesem Fall ist es Vietnam.

Gedenkstätte

Ein botanisches Paradies, wäre die Geschichte nicht omnipräsent. © Erik Klügling

Es ist der 16. März 1968, 5.30 Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen erheben sich über den Palmen und erhitzen die Luft. Das kleine Dorf Sơn Mȳ, unweit von Quảng Ngãi an der Küste Vietnams gelegen, wacht allmählich auf. Für die Einwohner bricht ein ganz normaler Arbeitstag an, manche sind schon auf den Feldern unterwegs. Andere sitzen in ihren schlichten Strohhütten und kochen Reis für das Frühstück. Seit ein paar Minuten ist in der Nähe Artilleriefeuer zu hören. Nichts ungewöhnliches, zieht doch der Krieg seit Jahren seine Spuren tief durch das geteilte Land. Es ist zumindest so alltäglich geworden, dass die Bewohner ganz normal ihren Tätigkeiten nachgehen. Kurze Zeit später landen in der Nähe des Dorfes auf einem Reisfeld ein paar amerikanische Helikopter. GI-Truppen werden abgesetzt, bewaffnet mit Gewehren, Granaten und Flammenwerfern. Unter ihnen ist auch der Kriegsfotograf Ronald Haeberle. Er dokumentiert mit seiner Kamera Geschehnisse, die nicht nur Vietnamesen und Amerikaner bis heute beschäftigen. Szenen voller Kriegsverbrechen, ein Massaker, bei dem über 500 Menschen jeden Alters ohne große Hemmungen systematisch verprügelt, vergewaltigt, verbrannt und verscharrt werden.

47 Jahre später. Ich stehe am Eingang des Sơn-Mȳ-Memorial. Etliche Fragen schwirren mir durch den Kopf: Was macht Krieg mit der menschlichen Psyche? Was muss ein Soldat durchlebt haben, damit er einer schwangeren Frau mit einem Bajonett in den Bauch sticht, nachdem er sie vergewaltigt hat? Was treibt jemanden dazu, überforderten und weinenden Kindern ohne große Hemmung in den Kopf zu schießen? Wie sind Menschen überhaupt imstande, so etwas Grauenvolles und Sinnloses zu machen? Wie gehen die Opfer damit um, und wie die Täter?

Frau

Das Monument in Sơn Mȳ. © Erik Klügling

Ich habe gehofft, dass ich mit dem Besuch der Gedenkstätte eine Antwort auf wenigstens eine dieser Fragen finde. Fragen, die ich mir ungern stelle, denn sie sind fernab meines Vorstellungsvermögens. Aber sie sind eine Folge realer Umstände. Eine Realität, mit der man sich leider auseinandersetzen muss. Das Massaker in Sơn Mȳ liegt zwar fast 50 Jahre zurück, angesichts der aktuellen Situation im Nahen Osten ist es jedoch aktueller denn je. In Syrien werden Fassbomben mit dem Kampfstoff Chlor abgeworfen, Raketen in Wohnhäuser gefeuert. Der sogenannte Islamische Staat verschleppt und vergewaltigt Frauen, bildet Kindersoldaten aus und entreißt ihnen die Lebensgrundlage sowie jegliche Hoffnungen, ein ganz normales Leben führen zu können. Was macht Krieg mit der menschlichen Psyche? Die 504 Menschen in Vietnam konnten dem Unglück auch nicht entfliehen. Vor allem nicht, wenn es am frühen Morgen am Horizont angeflogen kommt.

Es ist der 6. Tag meiner Vietnam-Reise, der 7. Juli 2015. Ein sonniger und schwüler Tag hat gerade erst begonnen. Als ich das Dorf betrete, herrscht in meinem Magen ein flaues Gefühl. Mit bedächtigen Schritten erkunde ich den Außenbereich. Überall sind Palmen und akribisch gepflegte Beete. Es fühlt sich wie ein botanisches Paradies an, solange der geschichtliche Hintergrund ausgeblendet wird. Vor mir erstreckt sich eine riesige Statue aus Stein: Eine todtraurige Frau streckt ihre geballte rechte Faust gen Himmel, im linken Arm hält sie ihr sterbendes Kind. Vor ihr sitzen ein Mann und eine Frau, die jeweils um ihren toten Partner trauern. Ich muss mich hinsetzen und ein paar Minuten inne halten. Die Vergangenheit ist omnipräsent, ein bedrückendes, unangenehmes Gefühl. So habe ich mich zuletzt gefühlt, als ich in Buchenwald war.

Schild

Schilder geben den Opfern Namen. © Erik Klügling

Sie haben die Grundrisse rekonstruiert. Von den Strohhütten sind nur noch die Umrisse übrig. Etwa zehn davon sind auf dem ganzen Gelände verteilt. Vor jedem steht ein Schild, auf dem Namen verzeichnet sind: Pham Thị Thơ, 64 Jahre I Nguyễn Thị Bi, 17 Jahre I Ngyuễn Thị Thu, acht Jahre. Sie starben am 16. März 1968. Nicht etwa durch eine Krankheit, einen Unfall oder eine Umweltkatastrophe. Sie waren Teil eines sinnlosen Blutbades. Wenn sie nicht schon in den brennenden Hütte starben, dann durch die Kugeln der amerikanischen Soldaten, die draußen auf sie warteten. Solche Szenen habe ich durch Haeberles Fotos direkt vor meinem geistigen Auge. Was muss ein Soldat durchlebt haben, damit er einer schwangeren Frau mit einem Bajonett in den Bauch sticht, nachdem er sie vergewaltigt hat? Meine Beine werden mit jedem Schritt schwerer, im Beton der Wege sind zahlreiche Fuß- und Schuhabdrücke verewigt. Vor mir erstreckt sich eine Mauer, die an manchen Stellen schon stark beschädigt ist. Tausende bunte Mosaiksteinchen zeichnen grauenhafte Szenen dieses Tages nach: Brennende Hütten, verzweifelte Menschen und Eltern, die um ihre toten Verwandten trauern. Pures Leid. Meine Beine schleppen mich zu einer Strohhütte. Dort wird der Alltag der Dorfbewohner nachgestellt. Mein Herz bleibt für einen kurzen Moment stehen, als ich die dunkle Hütte betrete: Vor mir stehen eine Frau und ihr Kind. Es sind nur Puppen.

Fußstapfen

Symbolik für Hektik, Chaos und Hilflosigkeit. © Erik Klügling

Die Mittagshitze zwingt mich in das nahegelegene Museum. Nach der Pforte erstreckt sich eine riesige schwarze Tafel über die ganze Eingangshalle hinweg. Auf ihr stehen 504 Namen inklusive Alter. Von eins bis 75 ist fast jedes Lebensjahr dabei. In einem Rundgang zeichnet das Museum die Geschehnisse mit Ronald Haeberles Fotografien nach. Wie er sich wohl an diesem Tag gefühlt hat? Was treibt jemanden dazu, überforderten und weinenden Kindern ohne große Hemmung in den Kopf zu schießen? Eine Wand wird von den Gesichtern der angeklagten Täter geziert. Sie sehen so normal aus. Nur einer von ihnen wurde 1971 verurteilt: Lebenslange Haft. Ein Tag später wandelte Präsident Richard Nixon das Urteil in Hausarrest um. 1974, noch vor dem Ende des Vietnam-Krieges, folgte die endgültige Begnadigung. Der Prozess war eine Farce, die Angeklagten ohnehin nur die Marionetten der Offiziere, die das Massaker am Klemmbrett bewusst und kaltblütig planten. Um ihre Spuren zu verwischen, warfen sie eine 300kg schwere Bombe über dem Dorf ab. Nur der Propeller blieb übrig, rostet nun auf einem Holzpodest im Museum langsam vor sich hin. Sogar Kleiderstücke, Patronenhülsen und Konservendosen werden in den Vitrinen ausgestellt. Hier drin halte ich es nicht mehr aus. Auf dem Weg nach draußen kaufe ich mir vier Räucherstäbchen, wie man sie überall in Südostasien findet. Sie symbolisieren mich und meine Familie. Vor dem steinernen Monument zünde ich sie an, stecke sie in den Sand vor die Füße der traurigen Protagonisten. Wie sind Menschen überhaupt imstande, so etwas Grauenvolles und Sinnloses zu machen? Ich denke über meine Rolle und Verantwortung als Deutscher nach. Nationalsozialismus, Holocaust. Angesichts der Ohnmacht, dass Menschen zu all dem fähig waren und immer sein werden, kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit können in jedem Krieg passieren. Manche kommen nie an das Tageslicht, weil es die Regierung geschickt vertuscht oder die Medienpropaganda die Wahrheit umdeutet. Getreu dem Sprichwort „Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ Wie gehen die Opfer damit um, und wie die Täter? Beim Massaker in Sơn Mȳ war das für knapp zwei Jahre auch der Fall: Als die Bombe das Flugzeug verließ, war für die Amerikaner die Arbeit getan. Mithilfe der Fotografien von Ronald Haeberle legte die amerikanische Regierung das Massaker als glorreiche Aktion gegen das kommunistische Nordvietnam unter der Führung von H Chí Minh aus. Ein Nest voller Unterstützer wurde ausgehoben, es gab sogar heftigen Widerstand. Ein glorreicher Teilerfolg im sonst so unbeliebten und komplexen Krieg. Die Nordvietnamesen prangerten das Massaker wenige Tage später öffentlich an. Als der öffentliche Druck immer größer wurde, bildete die südvietnamesische Regierung eine Sonderkommission. Ein weiteres Spiel mit Puppen, nach einer halbherzigen und schlampig geführten Untersuchung unter dem Einfluss von Macht und politischem Druck versank das Massaker in der Bedeutungslosigkeit. Hätte Haeberle nicht den Großteil der Fotos für sich behalten und sie 1970 an diverse amerikanische Medien verteilt, wäre die Wahrheit nicht ans Licht gekommen. Aber vor allem der investigative Journalist Seymour Hersh leitete mit seinen Recherchen und Artikeln die Kehrtwende in der medialen Öffentlichkeit ein. Damit zeigte sich auch wieder, dass Medien nicht nur dazu fähig sind, die Wahrheit geschickt umzudeuten. Sie haben auch die Macht, eine große propagandistische Lüge zu entlarven. Mit diesen Gedanken im Kopf verlasse ich die Gedenkstätte und kaufe mir ein Buch: „A Look Back Upon Son My.“ Damit ich diesen Tag nie vergesse.

Tafel

504 unschuldige Schicksale. © Erik Klügling

Ich habe vor allem eine Sache gelernt: Die Menschheit braucht Journalisten und Fotografen. Auch wenn sie sich in Lebensgefahr begeben, sind sie verantwortlich für das Aufdecken der Wahrheit und dem Anprangern von Verbrechen. Ich habe den größten Respekt vor Kriegsberichterstattern, denn ich könnte dieses Leid nicht ertragen.

 

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