Guck mal ins Museum

Bericht über die 17. Nacht der Museen, erschienen in: Neue Presse Hannover, 15.06.2015

21 Häuser, zahlreiche exklusive Ausstellungen und jede Menge kleine Sehenswürdigkeiten bot die 17. Nacht der Museen in Hannover. Sechs Stunden Zeit, um die kulturellen Schätze der Stadt zu erkunden. Wer soll das alles schaffen?

„Statistiken haben vier Typen von Besuchern ausgemacht“, erklärte Oberbürgermeister Stephan Schostok im Rahmen der Eröffnung im Museum für Energiegeschichte: Da wären die Spontanen, die sich von der Menge und der eigenen Lust treiben lassen. Es folgen die mit einem getakteten Plan. Sie wissen zu jeder Minute genau, was sie wo sehen wollen. Die dritte Gruppe nennt er die Rückkehrer: „Sie waren im vergangenen Jahr da, konnten aber manche Stationen nicht besuchen. Das holen sie heute nach.“ Zu guter Letzt gibt es die „Groundhopper, die jede Station mitnehmen wollen.“ 21 Häuser, überall in Hannover, in sechs Stunden? Im Prinzip unmöglich. 7100 Besucher im vergangenen Jahr sahen sich im Durchschnitt in 4,8 Häusern um. Eine Statistik, die gleichzeitig belustigend aber auch nachvollziehbar ist, boten die „Museumsfestspiele“, wie Schostok sie nennt, doch unzählige Sehenswürdigkeiten. Neben zahlreichen Führungen rundeten Performances und eigens konzipierte Ausstellungen das bunte Programm ab. Allein das Museum für Energiegeschichte ist mit der Sonderausstellung „78, 45, 33 – vom sanften Ton zum starken Sound“ einen ausgiebigen Besuch wert. Mit Fokus auf Emil Berliner, der die Schallplatte erfand und in Hannover die deutsche Grammophon Gesellschaft aufbaute, zeigten zahlreiche Exponate die Evolution des Plattenspielers, von batteriebetriebener Koffergröße bis hin zu Anlagen mit dem Ausmaß eines Wandschranks.

Mit den uestra-Kulturbussen ging es auf der blauen Route weiter zur Kestnergesellschaft, wo das Thema „Optimized Textures“ im Mittelpunkt stand. Performances gewährten einen exklusiven Einblick in kommende Ausstellungen: Die Künstlerin LaTurbo Avedon erschuf einen künstlichen Avatar im beliebten Online-Spiel „Second Life“ und ließ ihn dort performen. Multimediale Werke beleuchteten kritisch Identität in der Off- und Online-Welt sowie den Einfluss sozialer Netzwerke auf die Gesellschaft. Nach dieser anspruchsvollen Portion Hochkultur war das historische Museum in der Altstadt eine ideale Abwechslung. Neben Führungen durch Ausstellungen über Hannover und die Geschichte der Mobilität hatte vor allem die Jugend viel Spaß: Sie probierten sich im Schreiben mit dem Federkühl aus und fuhren auf E-Skateboards einen Parcours entlang. „Es ist anders als ein Skateboard, weil ich mit einem Controller in der Hand bremsen und Gas gebe“, erklärt Imke Fröhling. Das eigentliche Highlight jedoch war der 658 Jahre alte Beginenturm, der im vergangenen Jahr restauriert wurde und nun zugänglich war. Viele wollten sich den engen Turm inklusive herrlichem Ausblick nicht entgehen lassen, eine meterlange Schlange prägte das Bild. „Ich kannte ihn früher noch als Kneipe“, sagte Besucher Andreas Quell. Vom Turm aus ging es direkt zur Sky Lounge, die schon vor Sonnenuntergang Besucher mit Cocktails und entspannter Musik anzog.

Von der Pferdestraße zum Trammplatz – nicht mit dem Bus, sondern per exklusiver Segway-Tour durch die Altstadt. Ziel war das Sprengelmuseum, abermals ein großer Publikumsmagnet, das mit abwechslungsreichen Ausstellungen hunderte Besucher anlockte. Die frisch eröffnete Ausstellung „Plakativ. Toulouse-Lautrec und das Plakat um 1900“ zeigte etliche knallig bunte und immer wieder belustigende Illustrationen von Alfons Mucha, Julius Klinger und Edward Penfield, die sich an den hohen weißen Wänden verteilten. Zudem führte Kuratorin Inka Schube durch die neue Fotoausstellung von Hannah Collins mit ihren schwarz-weißen Fotografien. Die Ausstellung „Auszeit. Vom Faulenzen und Nichtstun.“ lud ein, getreu dem Titel ohne schlechtes Gewissen auf großen Kissen eine kurze Auszeit zu nehmen. Als die Sonne schon weg war, lockte ein Open Air Kino im Künstlerhaus zum Abschluss des Abends. Im idyllischen Innenhof trafen sich rund 300 Besucher bei lauwarmer Sommerluft. Zu Wein, Bier und Snacks gab es internationale Kurzfilme, die mal lustig, mal skurril, kreativ oder schlichtweg faszinierend waren. „Der Hahn ist tot“ verleitete das Publikum sogar, im dreistimmigen Gesang den gleichnamigen Kanon mitzusingen. Besser kann man sich das Ende einer kulturellen Stadt- und Museumstour durch Hannover nicht vorstellen. Auch wenn in diesem Jahr weniger Besucher kamen, hat die Nacht der Museen wieder einmal bewiesen: In Hannover steckt an so vielen bekannten und unbekannten Ecken eine immense kulturelle Vielfalt. Auch in Zukunft darf es mehr sein als „nur“ Sprengel und Wilhelm Busch.

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