Der lange Weg zum Traumberuf

Reportage/Porträt über einen Schauspielstudenten. erschienen in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 23.05.2015

Das Hobby zum Beruf zu machen – wer hat diesen Traum nicht schon einmal gehabt? Gabriel Kähler, 25 Jahre alt, wagt den Versuch: Seit drei Jahren studiert er Schauspiel an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Für Hörspielaufnahmen stand er beim NDR vorm Mikrofon. Das Radiofeature „Talking Games – Streifzüge durch virtuelle Spielwelten“ wird am 29. Mai um 20.05 Uhr im NDR Radio gesendet.

11.00 „Scheiße, die ist voll wie eine Strand-Haubitze!“ sagt Gabriel mehrmals leise vor sich hin. Er geht noch schnell seinen Text durch, Sätze aus dem Buch „Wassermusik“ des amerikanischen Schriftstellers T. C. Boyle. Die Passagen hat Stefan Wiefel, Professor für Sprecherziehung an der Hochschule, ausgesucht. Gabriel sitzt im Kasino, der Kantine des NDR Landesfunkhauses, mit seinem langärmligen, blau-grün kariertem Hemd und einer roten Hose, die schon kleine Löchern am Hintern hat. Dazu schlichte schwarze Turnschuhe. Zu seinem kräftig dunklem, leicht gelocktem Haar gesellt sich ein Drei-Tage-Bart. Vor ihm steht ein Becher Kaffee und ein Stück Vanilleplunder. Der gebürtige Heidelberger wirkt entspannt und gleichzeitig hochkonzentriert. Gleich wird er den Part des „Mungo“ einsprechen.

11.10 Mit großen Kopfhörern sitzt Gabriel am Mikrofon im Studio 3. Zusammen mit seinen Kommilitonen Brigitte und Sandra nimmt er den ersten Take auf. An der Scheibe hängt ein kleines Schild mit der Aufschrift „Mic on“. Es blinkt rot. „Kannst du das Mikrofon nochmal hochziehen?“, fragt Stefan und gibt immer wieder Anweisungen. Gabriel muss seinen ersten Satz „Showtime! Acht Uhr, get ready to rumble!“ mehrmals einsprechen, bis sein Professor endgültig zufrieden ist. Währenddessen sitzen vier Menschen im Regieraum und überwachen die Aufnahme. Die Lautstärkebalken wippen bei jedem Wort nervös auf und ab. Der Take dauert etwa fünf Minuten. Ab und zu verhaspelt sich Gabriel, doch dank digitaler Technik ist das nicht schlimm. Ohne Kommentar wird der Satz wiederholt bis alles sitzt. „Wir schneiden das später zurecht!“ Eigentlich sind sie wegen eines Radiofeatures über Computerspiele im Landesfunkhaus. Doch weil sie schon in den vergangenen beiden Tagen alles eingesprochen haben, nutzen sie die Zeit für eigene Aufnahmen. Für Gabriel ist das nicht nur „eine ziemlich coole Erfahrung und total reizvoll“, er füllt damit auch seine Bewerbungsmappe. Mittlerweile ist er im dritten Studienjahr und im Oktober steht die Bühnenreifeprüfung an. Dort sind Intendanten aus ganz Deutschland zu Gast, die Gabriel und seine elf Kommilitonen ganz genau unter die Lupe nehmen.

11:23 „Gabriel, das hast du ganz toll gemacht“, lobt Stefan Wiefel den 25-jährigen. „Aber kannst du dich bei dem ein oder anderen Wort noch mehr reinhauen?“ Es sind Details in der Betonung, die beim Hörfunk entscheiden. „Meine Stimme ist mein einziges Instrument, da muss wirklich alles passen“, sagt Gabriel. Der Take ist durch, die kurze Pause kommt genau richtig für ihn. „Ich habe vorab kaum Zeit gehabt, um den Text zu lernen. Wir gehen das meistens ohne Probe durch, aber eben hat es gut geklappt“, freut er sich. Für das Schauspiel interessierte sich Gabriel schon während der Schulzeit. In der Theater-AG übernahm er oft die männliche Hauptrolle. Nach dem Abitur kam für ihn nur Schauspiel infrage. Doch der Weg war sehr hart: „Ich habe 22 Vorsprechen hinter mir.“ Während er sich mit Zivildienst und Kellnern finanziell über Wasser hielt, fuhr er über zwei Jahre lang quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wien, Rostock, Berlin, Zürich, Stuttgart, Hamburg und viele weitere Städte standen auf dem Fahrplan. „Manchmal flog ich schon in der ersten Runde raus, ab und zu fehlte nur ein kleines bisschen Glück.“ Ein Mal, in Hamburg, ist er sogar bis in die Endrunde gekommen. „Das hat mich motiviert dranzubleiben.“ Vor drei Jahren hat es endlich in Hannover geklappt.

11:37 Zweiter Einsatz im Studio, diesmal zu viert. Das Mikrofon ist dicht vor seinem Mund. Vor ihm liegen vier Seiten voller Dialoge. Während er die Sätze einspricht wackelt er mit seinen Füßen und drückt seine Hände zusammen. Bei vielen Worten hebt er seine Hand, gestikuliert und betont schwungvoll einzelne Silben. Nach dem Take gibt es Diskussionen um die Aussprache einzelner Wörter, ein paar kleine Fehler waren wieder dabei. „Ich habe mich ein Mal verhaspelt“, sagt er zu seinen Kommilitonen. Währenddessen berät sich Stefan Wiefel in der Regie mit seinen Kollegen. „Das ist alles zu lang, aber kein Problem. Wir kürzen das jetzt. Gabriel, du bist jetzt abgefrühstückt, die Mädels sind dran“, schallt es über die Kopfhörer ins Ohr.

11:55 Für Gabriel sind die Aufnahmen vorbei, die Zeit im Studio auch. Im Kasino trifft sich die Gruppe zu Mittagessen und Nachbesprechung. Sprechprofessor Stefan Wiefel ist überaus zufrieden mit seinen Schauspielschülern und spart nicht mit Lob. Um 14 Uhr geht es mit der Nachbearbeitung weiter. Die Pause nutzt Gabriel, um ein wenig Sonne zu tanken und kurz Ruhe zu finden. Seine Ausbildung geht jetzt in die entscheidende Phase: Demnächst fliegt er mit seinem Jahrgang nach Moskau, um das vierstündige Stück „Verbrechen und Strafe“ von Fjodor Dostojewski auf einem Festival vorzuführen. Mit seinem Kommilitonen Alex teilt er sich die männliche Hauptrolle Raskolnikow. Anschließend geht es nahtlos mit Proben für die Bühnenreife weiter. „Für manche ist das bereits ein Sprungbrett. Ich schaue auf jeden Fall in die Richtung Theater und Film, darauf ist unser Studium auch ausgelegt. Synchronsprecher oder etwas mit Hörspielen fände ich auch super“, verrät er. Egal für welche Sparte er sich entscheidet: die Konkurrenz ist hart. Aber das kennt Gabriel ja schon. Es ist eben nicht leicht, sein Hobby zum Beruf zu machen.

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