„Das ist wie beim Monopoly“

Reportage/Porträt über einen Flaschensammler. erschienen in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 16.05.2015

Wer schon mal im Café Glocksee war, ist ihm mit Sicherheit begegnet: Burkhard Heiß. Der 76-jährige ist Flaschensammler und mittlerweile eine Kultfigur in Linden. Seit fast zehn Jahren steht er bei jeder Veranstaltung mit seinem Einkaufswagen bereit und mischt sich unter das Partyvolk.

22:50 Ein junger Mann steht ein paar Meter entfernt und stellt seine Bierflasche auf den Tisch. Ist sie leer? Braucht er sie nicht mehr? Oder hat er sie nur kurz abgestellt? „Ich suche immer den Blickkontakt zu den Leuten, weil ich natürlich nicht unhöflich sein will“, sagt Burkhard Heiß. Er geht hin, unterhält sich kurz mit dem Mann, nimmt die Flasche und packt sie in seinen Einkaufswagen. Beschwert sich doch mal jemand, dann „gebe ich demjenigen natürlich ein Bier aus.“ Sein Alter – 76 Jahre – sieht man ihm auf dem ersten Blick nicht an. Unter seiner schwarzen Strickmütze lugen ein paar Haare hervor, über mehrere Schichten Pullover und Jacken trägt er eine abgewetzte Jeansjacke. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man Falten im Gesicht und einen grauen Drei-Tage-Bart. Seit fast zehn Jahren verdient sich der Rentner mit Flaschensammeln etwas dazu. Mit dem Public Viewing bei der WM 2006 hat alles angefangen, „seitdem lässt es mich nicht mehr los.“ Sein Verdienst schwankt von Nacht zu Nacht: Manchmal kommen sieben, manchmal nur drei, an guten Tagen bis zu 30 Euro heraus. „Das hängt vom Wetter, dem Publikum und der Konkurrenz ab“, sagt Heiß.

23:05 Vor der Glocksee stehen etwa 30 junge Menschen und trinken. Der Platz ist mit zahlreichen Bänken und Tischen geschmückt. Soweit das Auge reicht Graffitis. Im Inneren bereitet sich eine Rock-Band auf ihren Auftritt vor. Der Eintritt ist frei, da ist Publikum garantiert. „Drinnen gibt’s nur 20 Cent Pfand, da lassen die Besucher oft ihre Flasche für mich stehen.“ Doch für Heiß zählt nicht die Summe am Ende: „Das ist doch wie Spielgeld, wie bei Monopoly, so kleine Beträge.“ Ihm geht es vielmehr ums Prinzip. Er ist gerne draußen an der frischen Luft und bewegt sich. „Ich hatte vor fünf Jahren einen Herzanfall, seitdem bin ich nicht mehr so fit“, erzählt er. Doch viel wichtiger ist für ihn die Gesellschaft unter den Leuten, denn Heiß ist Vollblutkünstler. Vor über 50 Jahren studierte er Bildhauerei an der Kunsthochschule in Hannover. „Ich hab mich mit einem Schuhkarton voller Fotografien beworben.“ Dass sie ihn überhaupt genommen haben wundert ihn noch heute. Nach dem Studium widmete er sich der Malerei, dem Zeichnen und der Fotografie. „Ich gab Fotokurse an der Volkshochschule und war im Gefängnis als künstlerischer Betreuer aktiv“, erzählt er. Trotzdem kam nur die Mindestrente heraus. Mit dem Pfand bessert er sie auf und „die Kunst lebe ich nach wie vor aus – mit Witzen.“ Er überlegt sich neue und probiert sie am Glocksee-Publikum aus. „Was ist das Gegenteil von Garn? Ungarn!“ kommt es spontan, gefolgt von herzhaftem Lachen. „Die beste Nation? Die Halluzination!“

23.25 Draußen stehen nunmehr 50 Leute. „Viele bringen ihre Getränke mit, trinken etwa Bier aus Dosen. Das ist natürlich gut fürs Geschäft“, freut sich Heiß. Er war gerade ein paar Minuten drin, um die Band zu hören und sich kurz aufzuwärmen. Ein paar pfandfreie Flaschen räumt er beiseite. Seitdem er hier ist, liegen auf dem Hof keine Scherben mehr, „was die Betreiber sehr schätzen.“ Gleichzeitig ist das für einen Flaschensammler eher ungewöhnlich. „Das kann man hier einfach nicht mit dem Alltag von Flaschensammlern vergleichen“, meint Heiß. Ab und zu geht die Tür zum Club auf, dann mischt sich Live-Musik mit Techno, der draußen aus einem Ghetto-Blaster schallt. Er unterhält sich angeregt mit einem Kollegen, der auch Flaschen sammelt. „Mit manchen verstehe ich mich sehr gut“, sagt er. „In der Szene tummeln sich die unterschiedlichsten Gestalten herum. Manche sind noch sehr jung und versuchen davon zu leben.“

23:40 Heiß bewegt sich zwischen den Leuten, taucht in Gruppen ein, fängt Gespräche an. Dass er dabei ein paar Flaschen an eine andere Sammlerin verliert stört ihn nicht weiter. Sie zieht seit neustem hier ihre Kreise. „Die sammelt zwar eifrig, aber hält nie so lange durch.“ Er hätte sowieso eine andere Taktik. „Ich bin schnell außer Puste, weil ich nur noch ein Viertel Herzleistung habe. Ich arbeite mehr mit Psychologie.“ Soll heißen: Sich in Gruppen stellen, mit Leuten reden, Witze erzählen und Menschen mit Humor für sich gewinnen. „Kundenbindung“, sagt er dazu und lacht. Das Verhältnis zwischen den Beiden scheint angespannt. Nicht nur dass hier indirekt um ein Gebiet gekämpft wird. Auch soll sie ein paar schmutzige Tricks anwenden: „Ich habe schon mitbekommen, wie sie meinen guten Ruf zerstören wollte, indem sie Lügen verbreitet hat.“ Die Rivalität ginge so weit, dass sie „kaputte Flaschen für mich ins hohe Gras legt, damit ich mich verletze. In der Hinsicht bin ich Dr. Jekyll und sie Mr. Hyde“, erzählt er mit ironischem Unterton.

23:50 Eine junge Frau kommt mit einer Flasche auf Heiß zu und legt sie in seinen Einkaufswagen. „Ich bin extra für dich hergekommen. Wir haben uns so lange nicht gesehen“, sagt sie und grinst. Inzwischen hat Heiß etwa 20 Flaschen im Wagen. „Noch nicht mal zwei Euro, aber der Abend ist noch jung.“ Während die meisten Besucher ihren Tag ausklingen lassen, geht seiner erst los. Der 76-jährige stand um sieben Uhr auf. Sieben Uhr abends. Seit 21 Uhr ist er an der Glocksee. „Ich halte immer durch, bis die Kirchenglocken läuten“, sagt er und verschwindet wieder zwischen den Besuchern. Um die 80 dürften es inzwischen sein. Unter ihnen ein paar bekannte Gesichter, die er begrüßt. Die ein oder andere Flasche lässt er stehen. Soll sich doch seine Konkurrentin darum kümmern. Er erzählt lieber seine neusten Witze.

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