„Wer fleißig ist, hat Möglichkeiten“

Reportage/Porträt über einen Kioskbesitzer. erschienen in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 25.10.2014

Zur Limmerstraße gehört er wie 96 zu Hannover. Hasan Kozal, 57, ist der Betreiber des „Leinau-Kiosk“. Obwohl der gebürtige Türke Tag für Tag hunderte Kunden hat, mangelt es ihm selten an Ruhe, einem offenen Ohr – und vor allem – einem strahlendem Lächeln.

17:00 Hasan Kozal steht seit 14 Uhr in seinem Kiosk auf der Limmerstraße. Er ist unauffällig gekleidet und trägt kurzgeschorene, graue Haare. Sein Laden ist schlicht eingerichtet, kaum Dekoration, keine Musik. Das Angebot steht im Vordergrund. Im „Leinau-Kiosk“ wird Kozal – wie jeden Tag – auch mindestens bis Mitternacht bleiben, an den Wochenenden sogar bis zwei Uhr in der Nacht. Fast minütlich kommt ein neuer Gast. Die Meisten schauen an diesem Montag vorbei, um sich ein oder zwei Feierabend-Biere zu gönnen. „Um diese Uhrzeit ist immer sehr viel los. Und natürlich am Wochenende“, sagt Kozal, während er die Getränke mit seiner kleinen Kasse abrechnet. Der Kellner vom Eisladen nebenan lässt zwei leere Gläser fallen. Vom Geräusch aufgeschreckt, schnappt sich Kozal sofort Kehrschaufel und Mülleimer und eilt zur Hilfe. Auch wenn der Kellner seine Hilfe mehrmals dankend ablehnt, lässt sich Hasan, der von allen stets beim Vornamen genannt wird, nicht vom Auffegen der Scherben abhalten. Es scheint, als könne er keine Minute ruhig stehen, der „Leinau-Kiosk“ hat sowieso ständig Kundschaft. Und wenn doch mal niemand in Reichweite ist, gönnt sich der 57-jährige keine Pausen, sondern räumt eifrig Flaschen weg, reinigt seine Ladenflächen, oder leert den Aschenbecher – irgendetwas findet sich immer. „Ich bin sehr gerne hier. Es macht mir Spaß, immer etwas zu tun zu haben und etwas zu schaffen.“

17:15 Eine Frau vom Blumenladen gegenüber schaut kurz vorbei. Ein bisschen Small-Talk, dann braucht sie nur drei Finger hochzuhalten. Sofort dreht sich Kozal um und greift zielsicher nach drei Zigarettenschachteln. In seinem gut sortierten Laden kennt er sich sowieso blind aus. Es gibt kaum etwas, was er nicht anbietet: Neben Getränken, Tabakwaren und Süßigkeiten findet man Shampoo und Zahnbürsten, Kaffeefilter und Milch, sogar Kohle und Anzünder hält er für Spontan-Griller bereit. Neben Getränken und Tabak sind vor allem Süßigkeiten beliebt. Die sogenannten bunten Tüten stellt er mit sichtlichem Vergnügen selbst zusammen: Mal ein paar klebrige blaue Schlümpfe, dann wieder Lakritzrollen, Cola-Bonbons oder eine Vielzahl an verschiedenen Gummibärchen. Kleine Tüten kosten einen, große zwei Euro. Den Schulkindern gibt Kozal manchmal ein paar Süßigkeiten extra auf den Weg.

17:40 Er sagt, für ihn vergeht die Arbeitszeit im Laden immer wie im Flug. Bei all dem Trubel, der manchmal im „Leinau-Kiosk“ herrscht – Stress lässt sich Kozal nicht anmerken. Das liegt auch daran, dass er sein ganz eigenes, fast schon zu gemütliches Lauftempo etabliert hat. Deshalb bilden sich auch ständig wartende Grüppchen. Doch das scheint niemanden zu stören, jeder bleibt geduldig, auch weil „Onkel Hasan“, wie er von vielen Kunden liebevoll beim Betreten des Ladens begrüßt wird, immer für ein Gespräch bereit ist.

Vor ungefähr zehn Jahren ist Kozal aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Nach einem zweijährigen Deutschkurs fand er sich in Teilzeitjobs wieder. Erfüllt hat ihn das nicht: „Alles was ich wollte war ein festes Einkommen, mit dem ich meine Familie ernähren kann.“ Er ging ein großes Risiko ein, als er vor sieben Jahren einen Gemüseladen auf der Limmerstraße eröffnete. „Ich habe mir extra einen Kredit genommen, doch der Laden lief nicht so gut“, sagt er rückblickend. Als er sein Geschäft kaum noch finanzieren konnte, griff ihm schließlich sein Schwager tatkräftig unter die Arme. Eigenhändig renovierten sie den Laden und machten einen Kiosk daraus. Der Kredit sei inzwischen abbezahlt. Nun „kann ich den ein oder anderen Euro für das Studium meiner beiden Kinder zurücklegen“, sagt er voller Stolz. Es liege ihm im Blut, so lange und intensiv zu arbeiten: „Ich bin nur fleißig“, sagt er mit einem breitem, zufriedenen Lächeln, denn „wenn man fleißig ist, hat man Möglichkeiten.“ Manchmal verlässt er seine Kasse, geht hinten ins Lager, um die zahlreichen Regale und Kühlschränke wieder aufzufüllen. Oft kommt er wegen seines gemütlichen Tempos nicht mit dem Aufstocken hinterher, dann müssen seine Kunden eben mal warten. Er vertraut darauf, dass sie nichts stehlen, während er im Lager und mit den Regalen beschäftigt ist.

18:00 Als eine Frau mit einem großen schwarzen Hund den Kiosk betritt, kramt Hasan sofort einen Hundekuchen hervor und tätschelt vergnügt den Hund. Dabei hängt vor der Ladentür neben zahlreichen Veranstaltungsflyern von lokalen Clubs auch ein Schild mit der Aufschrift „Hunde müssen leider draußen bleiben.“ Die Stunde in seinem Laden ging schnell vorbei. In 12 Stunden, wenn die Limmerstraße wieder so langsam erwacht, öffnet Kozals Frau den „Leinau-Kiosk“. Sie steht immer von sechs bis 14 Uhr hinter der Ladentheke. Für die restliche Zeit ist der emsige Hasan Kozal zuständig. Heute hat er noch sechs Stunden Arbeit vor sich. In ein paar Minuten verschließt er die Tür seines Ladens, dann verkauft er zur Sicherheit nur noch von seinem Straßenfenster aus. Weil er das Objekt der Begierde dann immer selbst zur Verkaufstheke bringt, dauert alles noch länger. Das wissen die meisten Leute auch, wenn sie sich in die Warteschlange vorm Kiosk einreihen.

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